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Gesellschaft | Arbeitssicherheit | 08.11.2017

Mit Nudges zu mehr Sicherheit in der Baubranche

Bettina Jud, Tochter von CFO Ueli Jud, befasste sich in ihrer Masterarbeit mit dem Thema Sicherheit in der Baubranche. Im Interview erklärt sie, wie mithilfe von Anreizen, sogenannten Nudges, das Verhalten der Mitarbeitenden beeinflusst werden kann.

In Ihrer Masterarbeit haben Sie sich mit dem Thema Arbeitssicherheit in der Baubranche befasst. Wieso haben Sie sich für dieses Thema entschieden?
Da Berufsunfälle leider an der Tagesordnung sind und die Baubranche in der Schweiz seit 2009 die höchste Rate an Berufsunfällen aufweist, ist es mir ein persönliches Anliegen, für das Thema zu sensibilisieren und die Rate zu senken. Der Grund hierfür liegt sicherlich auch in meinem familiären, mit der Baubranche verbundenen, Hintergrund. Die Mitarbeitenden sind das wichtigste Gut einer Unternehmung, konsequenterweise sollte ihre Sicherheit auch an oberster Stelle stehen. Denn nicht nur finanziell gesehen, sondern insbesondere die persönlichen und langfristigen Folgen, die ein Berufsunfall mit sich ziehen kann, sind weitreichend.

 

In Ihrer Arbeit haben Sie sich intensiv mit dem Thema «Nudging» befasst. Können Sie dieses Konzept kurz erläutern?
Nudging, zu Deutsch «Anstupsen», ist die Beeinflussung von Verhaltensentscheiden mittels Anreizen. Das Besondere dabei ist, dass mittels Nudging das Verhalten hin zu einem besseren, gesünderen und längeren Leben beeinflusst werden soll, ohne dabei die Entscheidungsfreiheit des Menschen zu tangieren. Es gibt unzählige solche Einflüsse. Ein einfaches Beispiel hierzu ist, ob in der Mensa die Früchte oder die Schokolade auf Augenhöhe positioniert sind. Unser Denksystem nimmt automatisch jenes Angebot auf Augenhöhe zuerst wahr und beeinflusst so den Kaufentscheid.

 

Wie kann das Mitarbeiterverhalten in der Baubranche durch solche Nudges beeinflusst werden?
Bei fehlenden Informationen, ungenügender Erfahrung oder fehlender Rückmeldung ist ein Nudge gut geeignet, damit die Entscheidungsfindung vereinfacht wird und um weitere Aspekte aufzuzeigen, welche in die Entscheidung miteinbezogen werden können. Denn Nudging setzt da an, wo wir schnelle und unüberlegte Entscheide treffen und somit Fehlentscheide getroffen werden.

Ein Beispiel: Unrealistischer Optimismus und übermässiges Selbstvertrauen können zu risikoreichen Handlungen führen und basieren auf Selbstüberschätzung. Obwohl bekannt ist, dass Risiken bestehen, empfindet man ein Risiko als geringer, wenn bisher keine Konsequenzen aus dem Verhalten resultierten. So kann mittels einem Framing-Nudge (d.h. einem Nudge, der den Rahmen der Informationskommunikation beeinflusst) auf mögliche Konsequenzen hingewiesen werden. Wenn mit dem Nudge erreicht wird, dass man sich betroffen fühlt oder der Konsequenzen, insbesondere für das enge Umfeld wie beispielsweise die Familie, bewusst wird, wird das Verhalten angepasst.

 

Sie haben eine Datenerhebung auf mehreren Baustellen der JMS durchgeführt. Wie sind Sie dabei vorgegangen und was waren die wichtigsten Erkenntnisse?
Die Datenerhebung erfolgte in zwei Schritten. Zuerst wurde eine Vor-Ort-Beobachtung auf drei Baustellen durchgeführt, bei der mittels einer Checkliste das Verhalten der Bauarbeiter erfasst wurde. Bei der Vor-Ort-Beobachtung war die Erkenntnis, dass die Baustellen sehr gut und ordentlich geführt und potenzielle Gefahrenbereiche bestmöglich reduziert werden. Eine weitere Erkenntnis war, dass auf jeder Baustelle mindestens ein Bauarbeiter ohne Helm der Tätigkeit nachgeht.

In einem zweiten Schritt wurde auf vier Baustellen mittels Videobeobachtung Filmmaterial von je drei Arbeitstagen gesammelt und ausgewertet. Bei der Auswertung des Filmmaterials wurde, aufgrund der vorgehenden Erkenntnis, das Augenmerk auf das Helmtrageverhalten gelegt.  Dabei wurde erfasst, welcher Tätigkeit die Personen nachgingen und ob die Baustelle in Betrieb war. Situationen bei denen die Baustelle stillstand oder externe Personen betroffen waren, wurden herausgefiltert.

Die Erkenntnis, dass der Helm, insbesondere bei den Baggerführern, auf der Baustelle nicht getragen wird, konnte durch die Videobeobachtung untermauert werden.

 

 

In einem Experiment haben Sie verschiedene Nudges bei der JMS eingesetzt. Hatten diese einen Einfluss auf das Mitarbeiterverhalten?
Beim Experiment wurde mit einem Informationsblatt auf das Helmtrageverhalten innerhalb der JMS-Gruppe hingewiesen. Dabei wurde hervorgehoben, dass 70% der Bauarbeiter den Helm konsequent während der Arbeit tragen und jeder mitmachen sollte.

Es konnte kein Einfluss auf das Verhalten aufgezeigt werden, da das Experiment aufgrund von externem Einwirken abgebrochen wurde. Auch bei der Durchführung des Experimentes wäre keine auf die Allgemeinheit anwendbare Aussage machbar gewesen, da die Durchführung in einem zu kleinen Rahmen durchgeführt wurde. Ich bin überzeugt, dass Nudging einen positiven Einfluss auf die Arbeitssicherheit haben kann. Es wäre spannend in einem umfangreichen Experiment unterschiedliche Nudges auszuprobieren und diese auch gemeinsam mit den Bauarbeitern auszuprobieren und zu entwickeln. Denn wer einen aktiven Beitrag leistet und durch diskussionsgeleitete Erkenntnisse ein umfassendes Verständnis für die Thematik entwickelt, wird sein Verhalten entsprechend anpassen, seine Kollegen überzeugen können und so zur Verankerung eines Verhaltens nachhaltig beitragen.

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